Montagmorgen. Ein Tag wie jeder Montag. Ich blicke auf meinen Balkon. Vom Sonnenschein der letzten 2 Tage ist nichts mehr übrig. Die Hitze wurde von Regenwolken davongetragen und statt strahlendem Sonnenschein plätschern Fäden aus Regen auf die Erde.
Hach, das hab ich mir anders vorgestellt. Heute wollte ich doch mein cremfarbenes Kleid mit Plisseeelementen tragen und dazu meine blauen Designerflipflops, die ganz wunderbar zu meiner blauen Arbeitstasche passen. In meinem Kopf sah das herrlich aus.
Und wie ich nun mal so bin, alles was mir Freude bereitet und von mir beeinflusst werden kann, das setze ich einfach um. Also blende ich alles rationale aus, ziehe mir mein Kleid an (was echt schon viel zu lange im Schrank geblieben war, weil es augenscheinlich auf den richtigen Moment gewartet hat, der irgendwie nie kam) und rutsche in meine FlipFlops. Dann nehme ich meinen Regenschirm und laufe los.
Nicht zu meinem Auto, wie du jetzt sicher vermutest. Nein, ich wähle ganz bewusst die Bahn – auch wenn ich meine kleine silberne Flitzerin von Herzen liebe. Munter laufe ich los, um zur Haltestelle Theresienstrasse zu kommen. Auf dem Weg lächle ich in die Welt und freue mich, dass ich mir selbst treu geblieben bin. Hach, wie herrlich.
Und was macht die Welt? Sie lächelt zurück. Oder nickt. Mal so, mal so.
Als ich an der Haltestelle ankomme ist es noch leer. Nur eine Dame steht da und schaut in die Welt. Der Bus kommt angefahren, der Fahrer lächelt mich an. Nickt ganz kurz und zieht weiter.
Nun denn, bald müsste meine Bahn kommen. Doch sie kommt nicht. Stattdessen kommt eine Dame mit einem lilanen Schirm. Schaut auf die Tafeln und versucht sich zu orientieren. Dann schaut sie mich an. So als würden ihre Augen Hilfe suchen. Ich weiß nicht, was sie mir sagen möchte, also frage ich sie. Außer ein paar spannenden Töne sagt sie noch nichts. Na gut, ich versuche es auf Englisch. Sie antwortet mir – allerdings überraschend auf Spanisch.
Huch denke ich, wo hast du denn dein Spanisch in deiner Denkbibliothek abgelegt? Und wie sind die Vokabeln für den Personennahverkehr? Scheint so, als liegen die unter Glitzerfunkeln und Sternenstaub.
Na gut, es hilft nichts. Den Übersetzer rausgeholt und mit meinen Händen sowie der Hilfe diese wundervollen Werkzeugs mal fix die aktuellen Möglichkeiten zu ihren Zielort geprüft. Dabei fällt mir auf, dass hier gerade in den nächsten Stunden keine Bahn fährt und die Alternativroute bringt mich nicht dahin, wo ich hin möchte. Also wünsche ich der Dame noch eine gute Reise – auf Spanisch natürlich „Te deseo un buen viaje“ „Adios amiga de la parada del autobús.“ – und setze meinen Weg fort, um mal schnell rüber zur Wilhelminenstrasse zu laufen.
Zwischendrin patscht der Regen weiter auf den Boden und verpasst mir ab und an eine Fusswäsche. Mal mehr, mal weniger. Wasser spritzt nun geduldig an meinen Beinen hoch und fließt an ihnen entlang, um sich dann wieder mit den Tropfen auf der Erde zu verbinden. Zwischen angenehm und kühl wechselt mein Empfinden und ich lache in mich hinein. Was für ein Tagesstart.
Als ich an der Wilhelminenstrasse ankomme, versuche ich zur Anzeigetafel zu blicken. Da spricht mich eine Dame an. In ihrer Hand ein dunkler Schirm. Sie schaut mich mit großen liebevollen Augen an und fragt: „Wissen Sie, wo hier Bahnen fahren?“
Ich lache herzlich, denn gerade fällt mir auf, dass heute wahrscheinlich gar keine Bahnen fahren. So wie in den letzten Tagen auch schon. Na wunderbar, da war doch was. Das hitzige Wetter hat das Material um die Schienen herausgedrückt und da die Bahnen so nicht fahren können, stehen sie aktuell still.
Naja.. heute ist also wieder so ein schöner Moment, wo ich wie ein kleiner tapsiger Pinguin fröhlich durchs Leben watschel und mir meine Planungsskills abhanden gekommen sind. Flowmomente nenne ich sie. Da bin ich einfach ganz in meinem Sein und folge in (m)einer kindlichen Leichtfüßigkeit einfach nur meiner Intuition. Keine Sorge – in gefährlichen Situationen springt der Verstand blitzartig an – doch das ist keine Geschichte für heute.
Da stehen wir nun. Die beiden Damen in ihren zauberhaften Kleidern. Auch sie hat sich heute für die schicke Mode entschieden. Ein lilanes Kleid mit Steinen – fein drappiert, um ihren Hals besser zu schmücken als jede Halskette. Ihre Haare sind schwarz und werden von einer Spange in einem zarten Grün nach oben gehalten.
Wir entscheiden uns nun in die Stadt zu laufen – für mich sind es 20 Min, für sie ein paar mehr. Sie erzählt mir von ihrem Leben, den Kindern und der Heimat. Dass sie dort Familien begleitet hat. Aus ihr strahlt die Freude, während sie davon erzählt.
Wir sprechen über Kultur, Werte und Themen, die sonst nur Bekannte mit einander teilen. So viel Vertrauen liegt in der Luft – und Wertschätzung.
Biggi kommt aus Afghanistan, ist vor 11 Jahren hergekommen und ich bewundere ihre liebevolle Güte, die aus jedem ihrer Worte spricht. Die Zeit vergeht rasend schnell. Und wir kichern wie zwei junge Mädchen, während wir mit nassen Füßen durch den Regen laufen. Unsere Kleider wollten zwischendurch auch ein wenig Sommerfrische spüren und so hat der Regen auch sie nicht verschont. Es soll ja für alle gesorgt sein.
Wir schmunzeln beide darüber. Kommen lachend an der Berliner Straße an und verabschieden uns. Reichen uns die Hände und ein herzliches Dankeschön.
Beide ziehen nun wieder ihrer Wege. Ein spontaner Moment des Begleitetseins. Herrlich, wie leicht ein Tag sein kann, den ich niemals hätte so planen können.
Auf Arbeit angekommen, öffnet mir eine Dame freundlich die Tür. Ich bedanke mich herzlich.
Erschrocken schaut sie auf mein Kleid und teilt mir mit, dass ich sehr schmutzig geworden bin.. Ich lächle und bedanke mich.
Sie schaut mich noch immer an und sagt dann mit einer besorgten Miene:
„Na hoffentlich wird meine schöne Hose nicht nass.“
„Hoffentlich.“ denke ich und schick ihr in Gedanken die besten Wünsche.
Schließe die Tür zum Büro auf und mach mir einen Latte Macchiato.
Und warum erzähl ich dir das? Als kleine Erinnerung, dass du bestimmst, was dich ärgert. The choice is yours.


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