Begegnungsraum Bahn

Begegnungsraum Bahn

Herrlich, wie die Stadt pulsiert. Menschen kommen, Menschen gehen. Züge halten, Züge fahren weiter. Draußen fließt Berlin langsam vorbei und drinnen suche ich, bepackt mit meinem Rollkoffer, meiner Tasche und meinem gelben Happiness-Beutel, meinen Platz.

Den Fensterplatz, den ich mir gewünscht hatte, schnappt sich wenige Sekunden vor mir ein Herr. Ach schade, denke ich, zumindest für einen kurzen Moment. Denn während ich mich ein paar Reihen weiter parallel zum Gang niederlasse und versuche mich einzurichten, merke ich, dass heute hier vielleicht genau mein Platz ist. Denn da saß ich noch nie. Die neue Perspektive gibts also inklusive und manchmal beginnt eine Geschichte eben nicht am schönsten Platz, sondern am richtigen.

Ich ziehe die Jacke zurecht, platziere Rollkoffer sowie Tasche neben mir und stelle meinen kleinen gelben Happiness-Beutel zufrieden zwischen meinen Füßen ab. Dann lasse ich den Blick durch den Wagon schweifen. Menschen sortieren Gepäck, suchen Tickets, telefonieren noch schnell „Wir fahren jetzt los“. Dieses vertraute Bahngewusel eben. Und mitten hinein schiebt sich plötzlich eine kleine Ruheinsel.

Gegenüber am Fensterplatz, da wo der Herr sich niedergelassen hat, wandert Geschirr auf den kleinen Tisch. Erst ein silbernes Kännchen, dann ein weißer Unterteller und schließlich eine Teetasse. Ganz langsam und ganz selbstverständlich, so als würde hier keine Bahn durch Deutschland rauschen, sondern ein kleines Café auf Reisen gehen.

Der Duft von schwarzem Tee mischt sich für einen Moment mit der trockenen Zugluft und plötzlich wirkt alles gemütlicher. Ein Bahnmitarbeiter bleibt kurz stehen. Er schenkt dem Herren ein paar herzliche Worte, ein zufriedenes Lächeln und dann fragt er nach einem Foto. Natürlich ohne Gesicht, denn es geht ihm nur darum mal kurz den Moment festzuhalten. Sowas ist ihm in seiner langjährigen Laufbahn noch nie begegnet. Er scheint verzückt und begeistert.

Und während ich den Herrn gegenüber beobachte, wie er zufrieden seinen Tee einschenkt, muss ich grinsen. Zwischen all den Menschen, die hektisch durch den Wagon wuseln, sitzt da einfach jemand und macht Teatime. Mitten im Zug.

Und irgendwie steckt darin eine kleine Erinnerung, das Leben nicht immer nur möglichst effizient von A nach B zu bewegen. Vielleicht bedeutet Reisen manchmal einfach nur da sein. Das ist wohl der Moment, wo das Leben in vollen Zügen genossen wird oder wie wir hier so neudeutsch sagen: Enjoy your life in full trains 😉

Während ich diesem Gedanken noch nachhänge, rollt neues Leben in den Wagon. Drei Damen kämpfen sich lachend mit ihren Koffern durch den Gang. Sie wirken wie Freundinnen, die gerade eine wunderbare Woche eingesammelt haben und noch mitten darin festhängen. Nur ihre Koffer scheinen etwas überfordert zu sein.

Es folgt eine kleine Runde Koffertetris. Viel „Warte mal“, „Nein andersrum“ und dieses herrlich gemeinsame Improvisieren, das Fremde für ein paar Minuten vertraut macht. Ich versuche zu unterstützen und plötzlich lachen wir alle zusammen. Die Koffer sind verstaut und die Damen glücklich.

Kaum sitzen die drei, erzählen sie mir von Lübeck. Von schönen Cafés, kleinen Gassen und natürlich von Marzipan.

Ach herrje, jetzt habe ich plötzlich Lust auf Marzipan. Natürlich genau dann, wenn weit und breit keines auftaucht. Das Leben hat manchmal eine sehr liebevolle Art, dich ein bisschen zu ärgern. Du kennst das sicher.

Während wir noch darüber lachen, setzt sich eine weitere Dame zu uns. Ihr Gepäck besteht aus einem Rucksack und einem alten Hundemann. Mit einer Ruhe, die sofort ansteckend wirkt, rollt sie einen Teppich aus und richtet dem Hund einen kleinen Platz auf dem Sitz her. Und wie er sich dort hinlegt, das hättest du sehen sollen. Als hätte er jahrelang nichts anderes getan, als stilvoll Zug zu fahren.

Der Bahnmitarbeiter schaut kurz vorbei, nickt anerkennend und zieht weiter und genau da verändert sich die Dynamik. Der Wagon wird langsamer. Nicht der Zug selbst, sondern die Stimmung. Menschen beginnen miteinander zu sprechen. Nicht, weil sie müssen, sondern weil es gerade passt.

Eine Dame mit Kopfhörern und Handy in der Hand setzt sich kurz dazu. Voll ausgerüstet für maximale Ungeselligkeit und doch schenkt sie uns beim Aufstehen ein freundliches Nicken, bevor sie wieder im Abend verschwindet.

Kurz darauf nimmt eine Dame in schönstem Rot platz. Elegant, freundlich und mit wunderbar abgestimmten Farben. Der Hund stupst neugierig an ihre Tasche.

Ein kleiner Schreck rutscht ihr ins Gesicht, direkt danach ein warmes Lächeln und für einen Augenblick gehört auch sie einfach dazu.

Für mich sind es diese kleinen Übergänge zwischen Fremdsein und Vertrautheit, die Zugfahrten manchmal so besonders machen. Niemand kennt sich wirklich und trotzdem entsteht für ein paar Stunden etwas Gemeinsames.

Irgendwann sitzen wir da wie eine kleine Reisegesellschaft, die sich aufgemacht hat in ein gemeinsames Abenteuer: fünf Ladies, ein Hundemann und der Herr mit seiner Teezeremonie. Es wird über Leipzig gesprochen, über Konzerte in Chemnitz, über schöne Orte und kleine Ausflugstipps.

Nebenbei wird Sudoku gelöst und ich versuche tapfer ein Buch zu lesen. Wirklich tapfer. Doch jedes Mal, wenn ich zwei Seiten geschafft habe, passiert wieder etwas Interessanteres im echten Leben. Also gebe ich irgendwann auf und lege das Buch zur Seite. Ich muss eben auch hier Prioritäten setzen.

Vielleicht spüre ich deshalb auch so deutlich, als sich die Stimmung verändert.

Eine Dame und ein Herr betreten den Wagon. Beide tragen diese besondere Energie von Menschen, die Ordnung nicht nur mögen, sondern auch gern sichtbar herstellen. Irgendetwas stimmt mit irgendeiner Tür nicht. Türen werden abgeklebt. Gepäck wird kontrolliert. Regeln ziehen leise durch den Raum wie ein kühler Luftzug und plötzlich wird aus Leichtigkeit wieder Alltag.

Dann bleibt die Dame beim Hund stehen. Kurze knackige Ansagen durchziehen den Raum. Der Teppich muss weg. Der Maulkorb dran. Nichts daran ist laut oder dramatisch und trotzdem wird es stiller im Abteil.

Die Dame mit dem Hund zieht sich ein wenig zurück. Ihr Lachen verschwindet für einen Moment. Und ich denke so bei mir: Es ist schon erstaunlich, wie manche Menschen einen Raum wärmer machen und andere in Sekunden den gleichen Raum zum Kühlschrank werden lassen.

Doch zum Glück hält Herzlichkeit oft länger, denn als ich der Dame mit dem Hund beim Aussteigen später noch ein schönes Konzert wünsche, kommt ihr Lächeln zurück. Erst vorsichtig, dann richtig und als kleines Symbol der fast schon kindlichen Rebellion zieht sie ihrem Hundemann noch vor dem Aussteigen den Maulkorb ab. Wir lächeln sie alle an und nicken ihr zu. Ein kleiner Augenblick der friedlichen Revolution und ein Band an Herzlichkeit, der uns alle miteinander verbindet.

Und kaum ist sie ausgestiegen, zieht neue Bewegung durch den Wagon. Zwei Damen mit Fahrrädern kämpfen sich durch die engen Übergänge zwischen den Abteilen. Müde, freundlich und doch leicht verzweifelt. Also packe ich mit an und gemeinsam heben und schieben wir die Räder durch die schmalen Türen der beiden Wagons, da es aufgrund gewichtiger Tätigkeiten keinen normalen Ausgang an den regulären Türen mehr gab.

Auf der anderen Seite warten unsere beiden Regelhütenden und begrüßen uns mit der Frage, was wir hier um Himmels Willen tun und dass das so doch nicht geht.

Nun ja, vermutlich Fahrräder aus einem Fahrradwagon holen, denn die passenden Türen wurden kurz zuvor verschlossen und es braucht neue Ausgangswege. Es erscheint mir wie ein kleines Bahnparadoxon. Als wären die letzten Minuten des eigenen Handelns vergessen.

Prompt folgt eine Ticketkontrolle. Zielgerichtet laufen die Dame und ihr Begleiter auf uns zu und wünschen die Tickets von den beiden Damen und meiner im Zug gefundenen Reisetruppe zu sehen. Alle haben eins dabei – natürlich.

Kurz brodelt es in mir, ganz kurz. Ich überlege, ob ich der Dame formal mitteile, dass sie doch bitte noch den Ausweis erfragen möge. Es muss hier schließlich alles korrekt sein. Ich atme tief ein und weiß jetzt endlich, warum ich eine Ausbildung als Entspannungstrainerin gemacht habe – Selbstanwendung – bitte ganz schnell – jetzt bloß nichts sagen. Also erinner ich mich und atme tief ein… sehr tief.. wirklich.. dann halte ich kurz die Luft an.. und atme mit leicht geöffnetem Mund wieder aus. Bis der Gedanke verflogen ist.. und ich mit einem Lächeln wieder in die Runde schaue.

Manchmal ist Frieden einfach die schönere Entscheidung. Die Anspannung fließt aus dem Körper und ich lächle in mich hinein, denn irgendwo zwischen schwarzem Tee, Hundeteppich, Marzipanhunger und Koffertetris ist aus einer einfachen Zugfahrt etwas anderes geworden: Ein kleiner Begegnungsraum auf Schienen.

Und so erreichen wir schließlich gemeinsam den Bahnhof, an dem der nächste Zug nach Hause schon auf uns wartet. Der Herr, der vor wenigen Minuten noch seine Teezeremonie genossen hat, eilt voraus und hält den Damen mit den schweren Koffern und mir die Tür auf. Ganz Gentleman und mit einer dunklen Weste, einem hellen Hemd und einer schwarzen Kette, die vermutlich hervorragend zu einer Taschenuhr passen würde.

Wir steigen alle gemeinsam aus. Reisegruppe Leipzig bitte folgen – auf uns wartet das nächste Abenteuer.. doch das ist eine andere Geschichte.


2 Kommentare zu „Begegnungsraum Bahn“

  1. Avatar von Conny
    Conny

    Herrlich! Tatsächlich kommt eine leichte, romantische Stimmung rüber, wenn man diesen Text liest! Danke für das Teilen und die wenigen Minute in diesem Zug!

  2. Avatar von Annika
    Annika

    Wie wundervoll doch eine Reise sein kann…Danke für die authentische und glaubhafte Schilderung-gefühlt war ich live dabei.:) Somit könnte man meinen Zugfahren lohnt sich trotz Verspätungen und Überfüllung-auch hier:es zählen die kleinen spontanen Momente im Leben.

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